Sonntag, 7. Mai 2017

Predigt am 7. Mai 2017 (Sonntag Jubilate)

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.“
Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: „Was bedeutet das, was er zu uns sagt: ,Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen‘; und: ,Ich gehe zum Vater‘?“
Da sprachen sie: „Was bedeutet das, was er sagt: ,Noch eine kleine Weile‘? Wir wissen nicht, was er redet.“
Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: „Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: ,Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen‘? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll zur Freude werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen.“
Johannes 16, 16-23a

Da stehen sie vor der Sicherheitskontrolle: ein junges Paar. Sie umarmen sich, küssen sich, lösen sich schließlich voneinander, winken einander.
Dann wird seine Bordkarte kontrolliert, und sie bleibt zurück.
Als wir ankommen, das umgekehrte Spiel:
Der Ausgang von der Gepäckausgabe öffnet sich.
Eine tritt wieder ein ins normale Leben diesseits der Sicherheitsschleusen, und da steht er, sie laufen aufeinander zu, fallen sich in die Arme, küssen sich.
Typische Szenen auf dem Flughafen.
Abschied und Willkommen.
Tränen und Lachen.
Trauer und Freude.
Wir reisen durch die Welt.
Wir lösen uns voneinander,
um unsere eigenen Wege zu gehen.
Und wir finden uns wieder,
und dann gehen wir gemeinsam weiter.
Nur eine kleine Weile, die wir uns nicht mehr sehen.
Nur eine kleine Weile, bis wir uns wiedersehen.
In der Zwischenzeit bleiben Whatsapp und Skype.
*
Wie war das: als wir unseren Frans zum Flughafen brachten und er allein ins Ausland ging?
– Nur eine kleine Weile; nach ein paar Monaten war er wieder da… wenn auch nur auf Besuch.
Wie war das: als wir selber ins Ausland gingen?
Wir ließen ein leeres Pfarrhaus zurück und viele mit Tränen in den Augen.
– Nur eine kleine Weile.
Wir haben uns wiedergesehen,
immer wieder,
nach vielen kleinen Weilen.
Und wir werden uns wiedersehen,
schon bald, wenn wir wieder dort sind und nicht mehr hier.
Dafür werden wir hier Abschied nehmen.
Wir sind ja schon dabei, seit einigen Wochen.
Nur noch eine kleine Weile, dann werdet ihr uns nicht mehr sehen...
Die kleine Weile, die wir weg waren, hat etwas mit uns gemacht.
Wenn wir uns wiedersehen, dann merken wir:
Manches ist anders geworden.
Wir selbst sind anders geworden.
Und sie, von denen wir uns vor einer kleine Weile verabschiedet haben.
Die Zeit verändert uns.
Wir kommen anders zurück, als wir losgegangen sind.
Jedes Wiedersehen ist neu.
*
Was bedeutet das: Nur eine kleine Weile?
Das fragen die Jünger ihren Herrn.
An jenem Abend des Abschieds.
Sie wissen nicht, wie lang sie sein wird, die kleine Weile.
Sie wissen nicht, wie sie sich verändert haben werden. Und er erst, nach dieser kleinen Weile.
Traurigkeit liegt in der Luft.
Und Angst.
Denn die Zukunft ist ungewiss.
Die Vergangenheit verabschieden sie, die gute Zeit mit ihm.
Er spricht nicht über die Vergangenheit, sondern über die Zukunft.
Aber er spricht in Rätseln und in Bildern:
Vom Vaterhaus, in das er gehen will, um die Wohnungen für alle vorzubereiten.
Vom Tröster, der an seiner Statt kommen wird.
Vom Weinstock, dessen Reben sie bleiben sollen.
Auch von Angst. Und von dem Hass, der ihnen entgegenschlagen wird.
Und von der Liebe, die bleibt.
Ich glaube, das verstehen sie, das mit der Liebe.
Das versteht jeder, der Abschied nimmt, dass die Liebe bleibt.
Aber das andere nicht.
Und so fragen sie: Was bedeutet das?
Jesus geht weg.
Wo geht er hin?
Wann kommt er wieder?
Wie wird das sein ohne ihn?
Wie wird das sein, ihn wiederzusehen?
Und wo wird das sein?
Erst im Himmel?
Oder schon hier auf Erden?
*
Ich kenne ja viele, von denen Jesus weggegangen ist.
Oder sind sie von ihm weggegangen?
– Manchmal weiß man das nicht so genau.
Jedenfalls sagen sie:
Er ist nicht mehr da.
Wir sehen ihn nicht mehr.
Früher, als wir Kinder waren,
als wir jung waren, da war das alles klar mit Jesus, da war er da.
Jetzt nicht mehr.
Wir können ihn nicht sehen.
Wir können nicht glauben, dass er irgendwo im Himmel sitzt.
Und schon gar nicht, dass er hier bei uns auf Erden ist; dann müsste es anders aussehen bei uns.
Er ist weg.
Wir haben ihn aus den Augen verloren.
Für uns ist er gestorben.
– Klar ist er für euch gestorben, sage ich, für euch und für mich und für alle.
Aber das ist ja das Problem:
Dass er nicht nur gestorben ist, sondern auferstanden, das sehen wir nicht; das glauben wir manchmal, und manchmal auch nicht.
Oft habe ich ja dieses Gefühl:
Er ist bei mir.
Aber ich kann ihn dir nicht zeigen.
Ich kann dir nicht beweisen, dass ich richtig liege.
Und manchmal habe ich auch das Gefühl:
Er ist ganz weit weg.
Aber ich hoffe, ihn wiederzusehen.
*
Was bedeutet das: Nur eine kleine Weile?
Und: Wie sollen wir das aushalten?
Jesus sagt ein Beispiel:
Schwangerschaft, Wehen, Geburt.
Ich weiß es ja nicht wirklich, ich kann es mir auch nicht richtig vorstellen, wie das ist: ein Kind zur Welt zu bringen.
Ich weiß nur: Es ist schmerzhaft, anstrengend und irgendwie doch auch wahnsinnig schön.
Ich war dabei.
Ich habe die Angst gespürt, dass etwas schiefgehen könnte.
Ich habe die Tränen gesehen, die Schreie und das Stöhnen gehört, bis es endlich da war.
Und dann die Tränen und die Schreie des Neugeborenen.
Und das Glück gespürt. Und die eigenen Tränen.Und was vorher war, hat dann gar keine Rolle mehr gespielt.
Eine Schwangerschaft mit ihren Sorgen, Mühen und Ängsten, eine Geburt mit ihren Schmerzen – das ist eine kleine Weile.
Eine kleine Weile gegenüber dem großen neuen Leben.
So ist das Leben in dieser Welt, sagt Jesus:
Ängste und Schmerzen durchstehen
– es sind die Geburtswehen von etwas Neuem.
Abschied und Trennung aushalten
– sie sind der Anfang vom Wiedersehen.
Sterben und Tod durchleiden
– sie sind der Geburtskanal zur Ewigkeit.
Und wenn ich weg bin, dann nur, weil ich euch vorausgegangen bin:
durch Leiden und Tod ins Leben.
Sagt Jesus.
*

So reisen wir durch die Welt.
Wir begrüßen und verabschieden uns.
Wir nehmen uns in die Arme und lösen uns wieder voneinander.
Alles ist nur für eine kleine Weile.
Irgendwann gibt’s ein Wiedersehen.
Und am Ende für immer.
Und Freude, die uns niemand nehmen kann.