Sonntag, 21. August 2016

Predigt am 21. August 2016 (13. Sonntag nach Trinitatis)

Neufassung einer Predigt von 2010

„Johannes, der gute Johannes, der sich von seiner Gemeinde, die er in Ephesus einmal gesammelt hatte, nie wieder trennen wollte, dem diese Eine Gemeinde ein genugsam großer Schauplatz seiner lehrreichen Wunder und wundertätigen Lehre war, Johannes war nun alt … So zaudernd eilig, als ein Freund sich aus den Armen eines Freundes windet, um in die Umarmung seiner Freundin zu eilen, – trennte sich allmählich sichtbar Johannis reine Seele von dem ebenso reinen, aber verfallenen Körper. – Bald konnten ihn seine Jünger auch nicht einmal zur Kirche mehr tragen. Und doch versäumte Johannes auch keine Kollekte gern; ließ keine Kollekte gern zu Ende gehen, ohne seine Anrede an die Gemeinde, welche ihr tägliches Brot lieber entbehrt hätte, als diese Anrede… Studiert war Johannis Anrede nie. Denn sie kam immer ganz aus dem Herzen. Denn sie war immer einfältig und kurz; und wurde immer von Tag zu Tag einfältiger und kürzer, bis er sie endlich gar auf die Worte einzog: Kinderchen, liebt euch! – In der ersten Kollekte, in welcher Johannes nicht mehr sagen konnte als Kinderchen, liebt euch!, gefiel dieses Kinderchen, liebt euch! ungemein. Es gefiel auch noch in der zweiten, in der dritten, in der vierten Kollekte; denn es hieß, der alte schwache Mann kann nicht mehr sagen. Nur als der alte Mann auch dann und wann wieder gute heitere Tage bekam und doch nichts mehr sagte, und doch nur die tägliche Kollekte mit weiter nichts als einem Kinderchen, liebt euch! beschloss, als man sahe, dass er vorsätzlich nicht mehr sagen wollte, ward das Kinderchen, liebt euch! so matt, so kahl, so nichtsbedeutend! Brüder und Jünger konnten es kaum ohne Ekel mehr anhören und erdreisteten sich endlich den guten alten Mann zu fragen: Aber Meister, warum sagt du denn immer das nämliche? – Und Johannes antwortete: Darum, weil es der Herr befohlen. Weil das allein, das allein, wenn es geschieht, genug, hinlänglich genug ist.“
(G.E. Lessing, Werke, Bd. VIII, München 1979, S. 15ff)


Liebe Schwestern und Brüder,
Gotthold Ephraim Lessing hat diese Worte als Testament des Johannes überliefert. Nach einer kleinen Notiz des Hl. Hieronymus. Eine fromme Legende, die vielleicht nicht wahr ist, aber doch wohl gut erfunden. Denn genau das ist das große Thema des alten Johannes in seinen Briefen: Kinderchen, liebt euch! Nirgendwo sonst in der Bibel wird so eindringlich von der Liebe gesprochen und zur Liebe ermahnt, wie hier. Unser heutiger Predigttext ist der Abschnitt mit der höchsten Liebesdichte in der ganzen Bibel: So häufig wie hier kommt das Wort Liebe und seine Ableitungen sonst nirgends vor.
Hört die Worte aus dem 1. Brief des Johannes im 4. Kapitel:
Ihr Lieben, lasst uns einander lieben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so wollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
1. Johannes 4, 7-12

Vielleicht geht es uns manchmal so ähnlich wie damals den Leuten bei dem alten Johannes: Wir können es kaum noch ohne Ekel anhören: Liebe, Liebe, Liebe: Nächstenliebe, Gottesliebe, Bruderliebe, Feindesliebe! Die christliche Liebe hängt uns schon zum Hals heraus. So viel Liebesgesäusel! – Und mir als Prediger – ich gebe es zu – mir wird es auch manchmal zu viel, immer wieder von der Liebe zu reden. (Was nicht heißt, dass ich lieber ein Hassprediger wäre.) Aber das Thema Liebe erschöpft sich. Was soll man dazu sagen, was nicht schon tausendmal gesagt worden wäre? Und geht das mit der Liebe nicht auch manchmal an den harten Realitäten des Lebens vorbei?
Aber natürlich, der alte Johannes hat ja Recht: Der Herr hat es befohlen. Und das allein, wenn es geschieht, ist hinlänglich genug. Ja, wenn wir und alle in der Liebe leben würden, nach dem Gebot Jesu, dann wäre das hinlänglich genug. Vollkommen. Das Himmelreich auf Erden. Darum kann es wohl wirklich nicht genug gesagt werden: Kinderchen, liebt euch!
Warum hat Lessing diese alte Legende ausgegraben?
Weil er das Gefühl hatte: Das Christentum zu seiner Zeit hätte es vergessen, dass die Liebe das höchste und wichtigste ist. Der rechte Glaube, die richtigen Überzeugungen – das schien das Wichtigste zu sein. Ein Jahrhundert zuvor hatte das christliche Europa erbittert Krieg geführt, dreißig Jahre, um den rechten Glauben. Und jetzt stritten sie immer noch darum, wenn auch nur noch mit Worten. – Lessing war der Meinung: Es kommt nicht auf die richtige Lehre an, sondern auf das richtige Leben. Ihr kennt ja auch seine berühmte Ringparabel: Im Leben, in der Praxis, da muss eine Religion erweisen, dass sie diejenige ist, die vor Gott und Menschen angenehm zu machen vermag: Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Dazu passt nun auch die Geschichte vom alten Johannes, der nur noch das eine zu sagen weiß: Kinderchen, liebt euch! – Das wäre die Chance für das Christentum: dass es sich als Religion der Liebe erweist. Ganz im Sinne seines Stifters.
Damals haben sie Lessing entgegengehalten: Das reicht nicht. Zur Liebe gehört die Wahrheit. Und um die Wahrheit muss man auch streiten. – Das finde ich auch. Sonst wird alles gleichgültig. Auch in Glaubensfragen müssen wir uns manchmal streiten. Gerade auch um der Liebe willen. Aber mit Verständnis und Respekt.
Kinderchen, liebt euch! – das klingt naiv, haben sie gesagt. Für mich klingt es auch naiv: nach Stuhlkreis und An-den-Händen-fassen. Nach heiler Welt. Aber draußen vor den Türen unserer Kirchen, Gemeindezentren und Kirchentage, da blüht der Hass. Da ist Terror und Angst: Da erschießen oder überfahren sie wahllos Menschen, oder greifen andere mit der Axt an. Da fassen sie fremden Frauen unter die Röcke. Oder hüllen ihre eigenen Frauen in Säcke mit Sehschlitzen. Manche quälen Christen und Andersgläubige. Da beschimpfen sie anders Denkende und anders Aussehende oder rufen zur Gewalt gegen Politiker auf. Oder sie versuchen unbequeme Meinungen und Kritik gleich ganz zu verbieten. – So viele da draußen lassen sich nicht von uns mit in den Stuhlkreis nehmen. Sie haben uns nicht lieb und sie wollen von uns nicht geliebt werden. – Die Liebe hat offenbar auch ihre Grenzen.
Jesus hat gesagt: Wir sollen auch unsere Feinde lieben. Johannes ist zurückhaltender, vielleicht auch realistischer: Ihr Lieben, lasst uns einander lieben! Bruderliebe nennt er das auch: Kinderchen, liebt euch! – Ich verstehe es so: Fangt damit an: mit der Bruder- und Geschwisterliebe. Fangt damit an in euren Kreisen und Gemeinden, in eurer Kirche. Fangt damit an, hier die Liebe zu leben. Mit Verständnis und Respekt, mit offenen Augen, Ohren und Händen; mit der Fähigkeit zu streiten, ohne zu verletzen; mit der Bereitschaft, Fehler einzugestehen, und einander zu vergeben. Fangt hier an, in der christlichen Gemeinde: Kinderchen, liebt euch!
Und dann kommt die Nächstenliebe. Was ihr als christliche Geschwister untereinander könnt, das geht wahrscheinlich auch im Miteinander mit anderen, mit nahen Menschen. Und mit denen, die uns plötzlich nahe sind, weil da vielleicht einer verletzt auf unserem Weg liegt – wie im Evangelium (Lukas 10, 25-37) gehört. – Bruderliebe, Nächstenliebe – und dann im Extremfall vielleicht auch so etwas wie Feindesliebe. Aber damit ist nicht gemeint, dass wir dem, der unsere Freunde mit der Waffe bedroht, die Hand reichen. Da geht die Nächstenliebe vor, und wir müssen sehen, wie wir dem Feind die Waffe aus der Hand schlagen können. Vielleicht brauchen wir dazu auch selber Waffen und Gewalt. Das widerspricht sich nicht. Nein, christliche Liebe zeigt sich nicht unbedingt in Pazifismus und Gewaltlosigkeit. Sie kann geradezu auch das Gegenteil verlangen. – Aber dann trotzdem für die Feinde beten und in ihnen Menschen sehen – was für eine Herausforderung!
Kinderchen, liebt euch! – Das ist schwierig genug. Denn es funktioniert nicht einfach so. Liebe lässt sich nicht gebieten, befehlen oder anordnen. Ich kann mich nicht einfach entscheiden: Ab jetzt liebe ich meinen Mitmenschen. – Bestenfalls kann ich etwas tun, was aussieht wie Liebe: Nett und freundlich sein, auf böse Worte und Taten verzichten, jemandem helfen. Aber wenn ich das nur tue, um damit zu zeigen, was für ein guter Mensch, was für ein guter Christ ich bin, dann ist das noch lange keine Liebe. Vielleicht sogar eher Heuchelei. Ich möchte gefallen: meinem Mitmenschen, mir selber oder auch Gott. – Vielleicht ist wahre Liebe manchmal sogar eher daran zu erkennen, dass sie auch Dinge tut, die dem anderen nicht gefallen. Und umgekehrt könnte man bezweifeln, dass jemand, der es immer allen recht machen will, das auch aus Liebe tut. – Komplizierte Sache!
Kinderchen, liebt euch! Liebe lässt sich nicht einfach anordnen, sie muss wachsen. Liebe ist kein Produkt, sie ist eine Frucht. Die Liebe, die wir geben, ist die Frucht der Liebe, die wir empfangen haben. Im letzten Grunde ist die Liebe von Gott. Im letzten Grunde ist Gott selber die Liebe. Und dass Menschen liebesfähig werden, das kommt direkt oder indirekt – über andere Menschen – von Gott.
Ihr kennt alle das Lied Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da. So wie uns warm wird, wenn wir uns in die Sonne stellen oder legen, so wie sie uns von ihrer Wärme abgibt, so wird auch unser Herz von Gottes Liebe erwärmt, wenn wir es Gott hinhalten, wenn wir uns der Liebe Gottes hingeben. Selbst ein Stein wird warm, wenn die Sonne ihn bescheint, heißt es in einem anderen Lied.
Das Gebot der Liebe heißt demnach paradoxerweise nicht: Lauf los und tue deinem Mitmenschen Gutes! Sondern es heißt: Halt inne und lass dich von Gottes Liebe erwärmen und erfüllen!
Kinderchen, liebt euch! – Weil Gott euch liebt, weil ihr Gottes Kinderchen seid.
Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.
Bei Gott fängt die Liebe an. Durch Jesus kommt sie in die Welt. In der Krippe und am Kreuz. Sie verlangt ihm alles ab. So sehr hat Gott die Welt geliebt.
Und manchmal verlangt die Liebe auch uns alles ab. Den Bruder, die Schwester, den Nächsten, den Feind lieben – das ist nicht schmerzfrei, nicht einfach, nicht billig, es kann wehtun, es kann Schritte fordern, die schwer fallen, es kann Opfer verlangen. Liebe ist nicht leicht.
Aber wo sie gelingt, wo sie zum Ziel kommt, da ist Gott selber zum Ziel gekommen, da ist Gott bei uns Menschen angekommen.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
„Das allein, wenn es geschieht, ist hinlänglich genug.“ Amen.

Sonntag, 17. Juli 2016

Predigt am 17. Juli 2016 (8. Sonntag nach Trinitatis)

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden, ist schändlich. Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“
Epheser 5, 8b-14

Es ist dieses Licht. Morgenlicht im Frühjahr. Lange Schatten noch. Und alles feucht vom Tau. Die Stille ist morgenlaut. Die Amsel singt. Und von ferne höre ich die Fahrzeuge auf der Straße hinab zur Küste. Ich liebe diese Stimmung und dieses Licht.
Es ist dieses Licht. Mittagslicht im Sommer. So hell, so weiß. Die Schatten sind verschwunden. Alles hellbeige und hellgrau mit hellbunten Häuserpunkten und einem hellblauen Himmel. Wie überbelichtet und leicht blaustichig. Und wieder ist es stille. Und eine eigenartige Trägheit breitet sich aus. Keine Vögel, keine Menschen, kaum Autos. Nur das Rascheln, wenn die Eidechsen zwischen Steinen und trockenem Gestrüpp umherhuschen. Ich liebe diese Zeit: Mittag, Sommer. Und ich liebe dieses Licht: mein Teneriffa-Licht.
Es ist dieses Licht. Abendlicht im Winter. Alles ist ganz klar. Die Berge leuchten rot. Und die Wolken über dem Meer dunkelgrau, rosarot, der Himmel zwischen dunkelviolett, himmelblau und knallorange, und die Sonne verschwindet apfelsinengelb im Meer – dort bei El Hierro, das wir nur an diesen wenigen klaren Tagen sehen können. Und die Abendfähre zieht ihre viele Meilen lange Spur über das Meer. Ich liebe diese Tageszeit und dieses Licht.
Ich bin ein Kind des Lichts. Die Farben, die Stimmungen, der Dunst und die Schatten, die Wolken und der Himmel – das löst in mir Glücksgefühle und Dankbarkeit aus.
*
Liebe Freunde, diesen Predigtanfang habe ich am Donnerstag geschrieben. Und ich lasse ihn so stehen. Aber am Freitagmorgen war Finsternis. Nein, die Sonne schien wie immer. Hier und auch an der Strandpromenade von Nizza. Aber eben: Nizza. Eine Nacht des Todes. Wieder hat einer getötet, nur um zu töten. Um Angst zu machen. Um Schrecken zu verbreiten. Und als es Tag wurde, blieb es in den Herzen dunkel. Dunkel von Trauer, von Erstarrung, Schrecken und Angst, von ohnmächtiger Wut und Verzweiflung. Das Licht des Tages, die Schönheit von Sonne und Himmel, sie dürften eigentlich gar nicht sein an so einem Morgen! Das ist so widersprüchlich: Die Straße ist voller Blut, und die Sonne scheint drauf.
Vielleicht gewöhnen wir uns ja dran; und wir sind auch schon dabei. Aller paar Monate ein neuer Anschlag. Irgendwo in Europa. Allzu nahe, weil wir die Orte selber kennen: die Côte d’Azure, die Straßen von Paris, die Flughäfen in Brüssel oder Istanbul. Wir sagen uns, dass es immer noch viel wahrscheinlicher ist, bei einem Autounfall zu sterben oder im eigenen Haus von der Leiter zu fallen, als von einem Terroristen erschossen, überfahren oder in die Luft gesprengt zu werden. Wir nehmen es hin, irgendwie, weil wir ja weiterleben müssen. – Aber unser Herz zieht sich zusammen und sagt uns, dass wir das nicht hinnehmen können und dürfen: den Tod, die Dunkelheit, die Angst als ständige Begleiterin.
Und wir sind erschüttert, weil jeder solche Anschlag unserem Glauben ins Gesicht schlägt: Unserem Glauben an das Gute im Menschen. Und unserem Glauben an einen guten Gott. Sie glauben ja auch an einen Gott und sie töten in seinem Namen. Und die meisten von uns wollen es nicht wahrhaben, dass das miteinander zu tun haben könnte: ihr Glaube, ihr Gott und der Tod. Obwohl sie es selber sagen. – Müssen wir ihnen nicht laut und deutlich sagen: Ihr seid Kinder der Finsternis, und euer Gott ist der Satan? „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, hat Jesus gesagt über die falschen Propheten. Und wir ernten ihre Früchte: Tod und Verderben.
Und unser Gott, ist er gut? Wenn er das geschehen lässt, immer und immer wieder? Wenn er den Mördern nicht in den Weg tritt? Wenn er zusieht, wie ihre Opfer schreien, bluten, sterben? Bricht es ihm nicht das Herz, wenn Mütter um ihre Kinder weinen? Und schon posten sie Gebete an Gott, den „Freund des Lebens“. An solchen Tagen wie vorgestern sind solche Phrasen für mich besonders hohl. Ich erlebe das als regelrechte Gottesfinsternis. Da hat sich was zwischen Gott und meinen Glauben geschoben. Eine dunkle Scheibe des Misstrauens. Der „Freund des Lebens“ schaut mal wieder zu, wie sie Kinder töten. Ist ja nicht das erste Mal. Es passiert immer und immer wieder.
Ich weiß nicht, wo es dann finsterer ist: Bei Gott oder in meinem Herzen? – Wahrscheinlich in meinem Herzen. Das Licht von Gott kann gerade nicht durchdringen bis zu mir. Wegen dieser dunklen Scheibe. Ich verstehe ihn nicht. Ich werde zum Kind der Finsternis: voller Wut und Unglauben.
*
Und dann denke ich an diesen einen Tag, als Gott zusah, wie sie sein eigenes Kind getötet haben. Und wie es dunkel wurde über dem ganzen Land. Und wie der, der von Gott gekommen war, der von sich selber sagte, er sei das Licht, wie er das Licht nicht mehr sehen konnte, wie sich Finsternis zwischen ihn und Gott schob: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Warum? – Gottesfinsternis. – Mit Jesus am Kreuz bin ich im Dunkel wenigstens nicht allein.
Und dann denke ich auch daran, wie es weiterging, dass es weiterging: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten! – Gott hat sein Kind nicht im Todesdunkel gelassen.
Und mich? Ich bin doch ein Kind des Lichts. Ich halte doch diese Finsternis nicht aus. – Mein Gott, lass mich wieder das Licht sehen!
*
Es ist dieses Licht. Osterlicht im Morgengrauen. Am Ostermorgen haben wir uns  vor dem Hellwerden auf dem Friedhof getroffen, haben die Ostergeschichte gehört, die Osterkerze angezündet und das Osterlicht weitergegeben, bis ganz viele Lichter brannten. Und dann haben wir gesungen: Christ ist erstanden. Und langsam wurde auch der Himmel hell, die Sonne ging auf und die Glocken läuteten: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten! Neben uns lagen die Toten in den Gräbern. Ob sie es gehört haben?

Wir sind Kinder des Lichts. – Gott, wecke uns auf und erleuchte uns!

Sonntag, 3. Juli 2016

Predigt am 3. Juli 2016 (6. Sonntag nach Trinitatis, Predigttext: 5. Sonntag nach Trinitatis)

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.
Denn es steht geschrieben: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen,
und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“
Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind – Juden und Griechen –
predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.
1. Korinther 1, 18-25


Kreuz Wort Rätsel
Jeden Morgen in der Tageszeitung und jedes Wochenende besonders groß: das Kreuzworträtsel.
Und auf dem Couchtisch noch mehr Hefte mit noch mehr Kreuzworträtseln.
Freizeitbeschäftigung meiner Eltern und ihrer Generation. Das hält den Geist fit.
14 Waagerecht, 6 Senkrecht. Worte kreuzen sich.
Sie teilen sich gemeinsame Buchstaben.
Nur manchmal stimmt was nicht.
Das eine Lösungswort hat ein L, wo das andere ein B haben sollte. Oder so. Finde den Fehler!
Liegt er bei mir? – Fast immer.
Oder etwa doch beim Autor des Rätsels?
Jeden Morgen in der Tageszeitung: das Kreuzworträtsel.
Jeden Abend liegt es ausgefüllt auf dem Tisch.
Nur manchmal, manchmal bleiben immer noch Lücken.
Lehre Felder. Antworten, die wir nicht kannten. Rätsel, die wir nicht lösen konnten.
Man könnte sagen: Das ganze Leben ist ein Kreuzworträtsel.
Nach und nach tragen wir die Lösungen auf die Rätselfragen des Lebens ein: 6 Waagerecht, 14 Senkrecht. Ein Muster, ein Ineinander von Buchstaben, von Worten, von Sinneinheiten.
Namen von Menschen und Namen von Orten kreuzen auf. Kreuzen sich. Teilen Buchstaben und Sinn.
Berufe und Arbeitsstellen, Krankheiten und Friedhöfe. Das alles und noch viel mehr füllt das Kreuzworträtsel unseres Lebens.
Wir suchen nach den kleinen Antworten und nach dem großen Lösungswort.
Vieles greift ineinander. Manches steht fern voneinander in unterschiedlichen Ecken der großen Rätselseite. Und doch ist alles miteinander verbunden; wir müssen nur die Lösungsworte finden.
Aber an manchen Stellen bleiben Lücken.
Erinnerungslücken. Lebenslücken. Und Lebenslügen.
Manches ergibt keinen Sinn.
Dann sind wir mit unserer Weisheit am Ende.
Am Ende des Tages, am Ende des Lebens liegt etwas auf dem Tisch mit vielen Lücken, mit Leerstellen, mit falschen Lösungen und mit manchen Fragezeichen.
Es ist ein Kreuz mit dem Rätsel unseres Lebens.
*
Kreuz Wort Rätsel
Das Wort vom Kreuz ist ein Rätsel.
Das Wort vom Kreuz Jesu.
Dass er leiden und sterben musste.
Dass Gott das zugelassen hat.
Dass Gott das nötig hatte.
Und dass wir das nötig hätten.
Dass das Kreuz Jesu Erlösung bringen soll.
Vergebung und ewiges Leben.
Das ist ein Rätsel.
Für den modernen Menschen nicht mehr zumutbar, haben manche gesagt.
Weil sie in ihrer Weisheit wussten, wie Gott zu sein hat und wie nicht.
Weil sie dachten, sie würden die Antwort schon kennen.
Das Wort vom Kreuz war ein Rätsel, schon immer.
Nicht erst für den modernen Menschen, sondern schon für den antiken: den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.
Der allmächtige Gott überwindet das Leiden, waren die Juden überzeugt. Kreuz und Tod passen nicht zu ihm.
Gott ist der Inbegriff des Guten und Vollkommenen, glaubten die Griechen. Kreuz und Tod kommen aus der Unvollkommenheit des Menschen, mit Gott haben sie nichts zu tun.
Sie wollten Gott raushalten aus dem Schmutz und dem Elend des menschlichen Lebens.
Sie wollten Gott raushalten aus der Geschichte von Schuld und Versagen und Leiden und Sterben.
Damit sollte er nichts zu tun haben.
Sie wollten einen feinen, klinisch reinen Gott haben, zu dem sie aufschauen konnten, der drüber steht über allem.
Nur dass dieser Gott für sie in unerreichbare Ferne entschwand.
Denn so wie er, so fein, so rein, so heilig konnten sie nie werden.
Und dann kamen Petrus und Paulus und viele andere und predigten das Wort vom Kreuz.
Die meisten fanden es ärgerlich und töricht.
Aber ein paar wenige verstanden, wie es gemeint sein könnte:
Wenn wir nicht so heilig, rein und vollkommen wie Gott werden können, dann musste Gott stattdessen so unrein und unvollkommen werden wie wir.
Wenn wir nicht unsterblich werden können, dann musste Gott stattdessen sterblich werden wie wir.
So kommt er uns entgegen.
Klingt töricht, dumm. Ist es vielleicht auch.
Wenn wir zu klug sind, um Gott zu verstehen,
dann macht Gott sich eben dumm, um uns zu verstehen.
Ist das des Rätsels Lösung?
Es ist eine Lösung, und es ist doch keine Lösung.
Sie löst die Rätselfragen nicht, ob Gott das nötig hatte, ob es nicht anders gegangen wäre und so weiter.
Mit dem Kreuz Jesu ist nicht einfach alles klar.
Das Kreuz durchkreuzt nur unsere klugen Antworten und Lösungsversuche.
*
Kreuz Wort Rätsel
Sie tragen ihr Kreuz.
Sie tragen es um den Hals. Oder tätowiert auf dem Arm. Oder versteckt in der Hosentasche. Ihre Hände fühlen es; sie halten sich daran fest, wenn die anderen wieder spotten, spucken, Allahu-akbar grölen.
„In der Unterkunft haben zwei meiner Freunde schon Todesdrohungen erhalten. Ihnen wurden ihre Kreuzanhänger vom Hals gerissen. Keiner von uns traut sich mehr, ein Kreuz zu tragen“, berichtet ein Flüchtling aus dem Iran.
OpenDoors und andere sprechen deutlich von Christenverfolgung – auch noch dort, wohin sie eben vor der Verfolgung geflohen sind.
Sie hatten sich das anders vorgestellt, das Leben als Christen in einem mehrheitlich christlichen Land.
Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz.
Denn Kreuz steht für Leiden.
Und es steht für die Torheit Gottes.
Das ist für manche unerträglich. Ein so großes Ärgernis, dass sie diejenigen verachten, bedrohen und verfolgen, die das Kreuz tragen.
Und die, die es tragen, sind mit ihrem Geschick oft nicht weit weg von dem, der es einst trug. Auf den Schultern. Hinauf nach Golgatha.
In den Gebieten des Islamischen Staates haben sie wieder Kreuze errichtet, um Menschen daran zu töten.
So wie sie Jesus getötet haben.
*
Kreuz Wort Rätsel
Warum?
Warum die Kreuze? Das Leiden? Der Tod?
Das Kreuz ist nicht einfach die Lösung.
Nicht einfach der fehlende Buchstabe oder das Lösungswort im Kreuzworträtsel des Lebens und Sterbens.
Das Kreuz ist und bleibt das Fragezeichen dort, wo wir nicht weiter wissen.
Der Platzhalter für die ausstehenden Antworten.
Der Platzhalter für Gott.

Das Wort vom Kreuz sagt uns vor allem eins:
Gott ist da:
In der Welt, in den Rätseln des Lebens, im Leiden und Sterben, in Angst und Verzweiflung.
Gott ist da, wo wir nicht weiterwissen.
So lange wir leben, werden wir mit Sinnlücken und Leerstellen leben, mit ungelösten Rätseln.
Wir werden die Lücken nicht füllen.
Wir werden die Rätsel nicht lösen.
Aber in den Lücken und Rätseln werden wir Gott begegnen.

Sonntag, 26. Juni 2016

Predigt am 26. Juni 2016 (Taufpredigt)

Gott spricht: „Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe.“
2. Mose/Exodus 23, 20

Sie sind unterwegs durch Wüste und dürres Land.
Durch Sanddünen.
Über Steine und Geröll.
Wo Schlangen und Skorpione lauern.
Wo Tags die Sonne brennt
und es kalt ist in der Nacht.
Unterwegs mit Kind und Kegel.
Mit Alten und Jungen.
Mit dem wenigen, was sie haben, auf Eselsrücken oder auf dem eigenen Buckel.
Unterwegs seit Tagen, seit Wochen.
Und wann und wo sie ankommen werden, das wissen sie noch nicht.
Ein Land, wo Milch und Honig fließt, soll es sein.
Wo alle genug zum Leben haben.
Richtige Häuser mit Gärten und Weinbergen.
Felder und Weiden.
Da wollen sie hin.
Davon träumen sie.
Und davon sind sie noch weit entfernt.
Sie sind auf der Flucht.
Kommen aus einem Land, das eigentlich reich und fruchtbar ist, wo schon Milch und Honig fließen – nur nicht für sie.
Hebräische Arbeitssklaven auf dem Weg in die Freiheit.
Auf dem Weg durch die Wüste:
Aus Ägypten ins Gelobte Land.
Sie haben Halt gemacht im Sinai-Gebirge.
Dort an dem Berg, wo ihr Gott zu Hause ist.
Und Gott hat sich gezeigt: mit Feuer und Rauch.
Und hat geredet mit ihrem Anführer, Mose, persönlich, von Mann zu Mann.
Er hat mit ihnen einen Bundesvertrag geschlossen:
„Ich will euer Gott sein, ich will für euch da sein, ich will euch das Land geben, das ihr ersehnt.
Eine Heimat, wo ihr in Freiheit und Wohlstand leben könnt.
Das verspreche ich euch.
Und ihr versprecht mir, dass ihr euch nach meinen Geboten richtet.
Das Wichtigste ist, dass ihr keine anderen Götter habt außer mir.
Dass ihr euch keine Götterbilder macht.
Und dass ihr Gottes Namen nicht missbraucht.
Ihr sollt einen heiligen Tag in der Woche halten.
Und ihr sollt eure Eltern ehren.
Einander nicht töten und verletzen.
Nicht ehebrechen.
Nicht stehlen.
Keine falschen Zeugenaussagen machen.
Nicht begehren und an euch bringen, was anderen gehört.
Haltet euch daran, dann werde ich zu euch halten“, hat Gott gesagt.
Sie haben Halt gemacht bei Gott.
Sie haben einen Vertrag gemacht mit Gott.
Und dann sind sie weitergezogen.
Noch viele Tage und Wochen, am Ende waren es viele Jahre.
Durch Wüste und dürres Land.
Über Steine und Geröll.
Wie lang der Weg werden würde, das haben sie nicht geahnt.
Aber Gott hat ihnen ein Versprechen gegeben:
„Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe.“
*
Einen Engel.
Die Theologen rätseln über diesen Engel.
Wir hören und lesen später nichts mehr von ihm.
(Naja, vielleicht doch: in der Geschichte von Bileam; aber die erzähle ich heute nicht.)
Aber eigentlich nicht.
Wir können nur indirekt feststellen:
Er muss da gewesen sein.
Denn sie waren beschützt auf dem langen Weg.
Und sie sind angekommen an dem Ort, den Gott bestimmt hat.
Wer war dieser Engel?
Und wo war er?
Engel sind Gottes Boten, Gottes Beauftragte.
Das können Menschen sein, wenn Gott sie schickt.
„Du bist ein Engel!“, sagen wir manchmal, wenn uns einer unerwartet hilft oder rettet.
Oder: „Dich hat der liebe Gott geschickt!“
Klar, dann war’s ein Engel, Gottes Bote.
Engel können auch unsichtbare Boten Gottes sein.
Mächtige Wesen, die in der geistigen Welt tun, was Gott will.
Wir ahnen sie, wenn wir vom Schutzengel sprechen.
Wenn er uns im letzten Moment das Lenkrad herumgerissen hat oder uns unverletzt aus dem kaputten Fahrzeug steigen lässt.
Und manchmal denke ich: Solche Schutzengel sind oft schon aktiv, wenn wir es gar nicht mitbekommen, wenn es nicht so knapp ausgeht, sondern wir einfach ruhig, sorglos und behütet unsere Wege fahren oder gehen.
Alles geht gut, weil sie da waren.
Unsichtbar und unmerklich:
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar …,
so wie Dietrich Bonhoeffer es gedichtet hat.
Der Engel des Herrn, das ist in der Bibel oft auch Gott selber:
Wenn er sich den Menschen zeigt.
Wenn er mit ihnen redet.
Wir können Gott ja nicht so sehen, wie er ist.
Und nicht so hören, wie er ist.
Aber er macht sich bemerkbar.
In einer Erscheinung.
In einer Stimme.
In einer Vision.
In einem Gedanken.
In den Worten der Bibel – oder der Predigt.
Das ist der Engel des Herrn.
Gott, wenn er sich uns zeigt.
Wenn wir etwas von ihm mitbekommen.
Wer war also dieser Engel, der die Israeliten auf dem Weg durch die Wüste beschützt hat?
Vielleicht war es der Mensch, den Gott beauftragt hat: Mose, der sein Volk nach Gottes Plan geführt hat.
Ja vielleicht, war er so etwas wie der Engel Gottes für sein Volk.
Aber wirklich beschützen und bewahren konnte er nicht;
er war auch nur ein Mensch.
Er konnte tun, was ein Mensch tut, der auf Gott hört und tut, was Gott ihm sagt.
Vielleicht, wahrscheinlich war es also eher ein unsichtbarer mächtiger Gottesengel, der im Hintergrund geführt und bewahrt und beschützt hat.
Der immer da war, wenn die weite Wüstenreise zu scheitern drohte.
Vielleicht war es auch das Wort Gottes, die Gebote, an die sie sich erinnerten, die sie auswendig lernten, an denen sie sich festhielten und die ihnen den Weg wiesen.
Und, ja klar:
Letzten Endes war es Gott selber.
Er hat sein Volk geführt.
Er hat sein Volk bewahrt.
Er hat zu seinem Volk geredet.
Er hat ihnen Gebote und Weisungen gegeben.
Manchmal hat er ihnen auch Steine in den Weg gelegt,
wenn es der falsche Weg war.
Manchmal hat er auch geschwiegen, weil sie sowieso nicht auf ihn gehört hätten.
Und dann war er doch immer wieder da.
Für sie da.
Und dann – irgendwann, nach Jahren – waren sie da.
Dort, wo sie hin wollten.
Dort, wo sie hin sollten.
Wo Heimat war und Freiheit.
Und Leben ohne Angst und Gefahr.
Der Ort, den Gott für sie bestimmt hatte.
*
So war das damals mit Gott und seinem Engel
Und so ist das immer mit Gott und seinen Engeln.
So soll es auch sein mit I.
und ihrem Engel, ihren Engeln.
Ja, den Engeln.
Es sind menschliche Engel, die Gott ihr geschickt hat.
Zuerst und vor allem ihre Mutter:
die sie versorgt und schützt und behütet,
sie an die Hand nimmt, wenn sie die ersten Schritte geht,
sie loslässt, wenn sie alleine laufen kann,
und sie doch immer wieder an die Hand und in den Arm nehmen wird, auch wenn sie größer und selbstständiger sein wird.
Ihre Verwandten und ihre Freunde werden ihr immer mal wieder Engel sein.
Und ihre Tante, ihre Patin.
Patin sein bedeutet:
Du hast den Auftrag für dein Patenkind ein Engel zu sein.
Darauf zu achten, dass es behütet und beschützt aufwächst.
Ihr zu zeigen, dass sie geliebt ist.
Und für sie zu beten, dass Gott selber das Gute tut, was wir nicht für sie tun können.
Mit der Taufe haben wir I. in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen.
Da sollen wir alle uns gegenseitig Engel sein: Gottes Boten, die auf Gott hören und aufeinander achtgeben.
Und selbstverständlich sind da auch unsichtbare Engel, Gotteskräfte, die für I. da sein sollen.
Sie bewahren an Leib und Seele.
Sie schützen, wo wir als Menschen nicht mehr beschützen können.
Sie führen, wenn sie ihre eigenen Wege gehen will, nicht mehr die, die wir für sie ausgewählt haben.
Sie an die Orte im Leben bringen, die Gott für sie bestimmt hat.
Letzten Endes macht sich Gott in der Taufe selber für sie verantwortlich.
Wir mögen unseren Teil der Verantwortung beitragen.
Das Entscheidende muss Gott tun.
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Wir sind unterwegs:
ein neugeborenes und jetzt auch neugetauftes Kind mit seiner Mutter und seinen Angehörigen,
ältere und lebenserfahrenere Inselbewohner und Christen,
Wanderer zwischen verschiedenen Welten.
Wir sind unterwegs: manchmal über Geröll und Stein,
manchmal auf leicht befahrbaren und doch gefährlichen Autobahnen.
Manchmal durch Wüsten und dürres Land.
Manchmal unzufrieden und manchmal dankbar.

Wir sind unterwegs.
Und wir haben Gottes Worte und Gottes Gebote.
Wir haben seine Engel vor uns und um uns.
Und wir haben ein Ziel:
den Ort, den Gott uns bestimmt hat –
das Gelobte Land.